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Um edel zu empfinden, lasst Scham nicht aus der Seele schwinden!

Woche 4 in Böörlin Ciddy bei den diesjährigen Topmodel Anwärterinnen.

Für Heidis Mädchen gehts ans Eingemachte.

Ich persönlich empfinde diese Folge so rückständig und antifeministisch, wie schon sehr lange keine GNTM Folge mehr. Deshalb möchte ich mich in der heutigen Kolumne an die wichtigen Fakten halten und nicht die gängigen Lästereien zwischen Liliana und Linda thematisieren.

 

Aus vergangenen Staffeln wissen die Zuschauenden bereits, dass sie sich auf drei GNTM Konstante immer verlassen können: Nur Eine wird Germany’s Next Topmodel, das große Umstyling kommt immer wieder überraschen und ein Nacktshooting bietet Drama pur.

Letzteres erreicht nun in dieser Folge einen neuen Höhepunkt, denn die Mädchen sollen einen NACKTWALK performen. Kein Retouchieren, kein Zurechtzuppeln für die richtige Pose.

So wie Gott sie schuf, ausgestattet mit ein paar Nippelpads plus Tanga sowie, als Kirsche auf dem Boobie-Häutchen, ein paar Badeschaum Blubberbläschen.

Ein kluger Schachzug der Verantwortlichen - das Bühnenwerk ist perfekt.

Vorher gibt es allerdings noch ein Shooting, inklusive vorherigem Coaching bei Rollschuh Legende Oumi Janta, welches das Thema dieser Woche perfekt abrunden soll - Femme Fatale. Oder wie Heidi die Szenerie der ersten Kandidatin am Set erklärt: „Du bist eine reiche Maus, die ganz viel eingekauft hat gerade. Diese Woche ist Frauenedition. Femme Fatale ist das Thema.“

Wir merken uns also: Aufgemotztes Püppchen mit 70er Jahre Föhnfrisur, auf Rollschuhen desorientiert durchs Hotel Adlon schlitternd, Shoppingtüten in der Hand haltend und von drei riesen Doggos gezogen werdend, ist die neue Definition von Femme Fatale.

 

Mic drop.

 

Häufig bin ich sprachlos, seltener wütend, wenn ich mir die Inhalte der deutschen Fernsehlandschaft um 20:15 Uhr reinpfeife aber die heutigen Unterhaltungssendungen haben mittlerweile ein Level an Doppelmoral erricht, bei dem selbst die CDU Delegierten vom Ohne-Masken-Parteitag in Dessau, mit den Ohren schlackern.

 

Diversität, Diversität.

 

Charakteristisch, wie bei einer nervigen Seitenbacher Werbung, wird in jeder Folge immer wieder brav aufgesagt, dass PERSONALITY elementar ist, dass die Mädchen etwas BESONDERES haben müssen - kurzum: dass ANDERS das neue BESSER sei. So scheint es.

 

Gehandelt wird aber nicht entsprechend, wo denken wir hin. Als Heidi Hinweise auf den bevorstehenden Nacktwalk für den nächsten Tag gibt, wird nochmal in aller Deutlichkeit eine ausführliche Rasur-Bewegung gemacht. „Dass alles schön ist, wir werden sehr viel sehen.“

 

Denn wir alle wissen ja (Nachwuchsmodels jetzt mitschreiben) - nur rasierte Körper, sind schöne Körper. Und nochmal alle im Chor: NUR RASIERTE KÖRPER SIND … ach lassen wir das.

Supermodel Gigi Hadid mit Achselbehaarung in einem Modevideo im Jahr 2017
Supermodel Gigi Hadid mit Achselbehaarung in einem Modevideo im Jahr 2017

Ob die GNTM-Verantwortlichen wohl absichtlich bei allen gesellschaftlichen Entwicklungen so ca. drei Jahre thematisch hinterher hängen?

Nicht nur im Bezug auf die Akzeptanz der natürlichen Körperbehaarung von Frauen, sondern beispielsweise auch hinsichtlich der ativen Steuerung von Stressreaktionen der Kandidatinnen.

24/7 Kameraüberwachung, keine Privatsphäre, keine Rückzugsmöglichkeit bei emotionalen Zusammenbrüchen, welche nicht überwacht wird - dieses Konzept fährt Big Brother schon Jahre lang erfolgreich, um die Teilnehmenden möglichst gereizt vor die Kamera zu bekommen und Streits zu provozieren - nun nutzen die Topmodel-Macher es auch - das erste Mal in derart offensichtlicher Form - für sich. Ein gemeinsamer Schlafsaal für 30 Frauen, zwei Badezimmer, Heidi Klum, die Morgens um 06:00 Uhr über einen Fernseher mit melodischem Organ zum Appell kreischt und die permanente Überwachung in jedem Winkel des Lofts. Mich persönlich würde es nicht wundern, wenn die Raumtemperatur durchschnittlich 19 Grad betragen würde und der Kaffee selten aufgefüllt wird, um die Stimmung nochmal richtig „anzuheizen“. Lord Jesus.

 

Wo der sowieso gerade schonmal Thema ist - Kandidatin Ana (20) bittet ihn zwischenzeitlich immer mal wieder um Hilfe.

Besonders der Nacktwalk macht ihr gedanklich sehr zu schaffen und sie hofft auf seinen Beistand, denn Ana ist nie nackt, weder Zuhause noch vor ihrem Freund (bei dem sie auch noch nie übernachtet hat), geschweige denn, hat sie sich selbst schon mal ausführlich nackt betrachtet. Nackt duschen würde sie zwar, aber danach ziehe sie sich direkt immer etwas an. Wie außergewöhnlich. Nun und mit Hilfe von Heidi Klum und ihrer Sendung, schafft es Ana nicht nur das erste Mal, sich selbst nackt zu betrachten, sondern ermöglicht selbiges auch einem Millionen Publikum vor den heimischen Fernsehgeräten. Aber nur keine falsche Scham.

Weshalb Ana und auch sonst keine Kandidatin, ein Recht darauf habe, Scham für irgendetwas zu empfinden, erläutert die Modelmuddi (die selbst offensichtlich tatsächlich kein Schamgefühl besitzt - siehe Vita) nochmal eingehend: „Als Model darf man sich nicht schämen, da muss man sich immer gut fühlen in seiner Haut.“

Charlie Le Mindus Models 2010 komplett nackt auf der London Fashion Week
Charlie Le Mindus Models 2010 komplett nackt auf der London Fashion Week

Liebe Lesenden, hier die Breaking News.

Heidi Klum hat nicht nur über Nacht Angelika Allgayer in ihrer Position als Juristin am obersten Gerichtshof abgelöst, um über das Recht des Dürfens und Nicht-Dürfens anderer Menschen zu entscheiden („Scham oder nicht Scham - das ist hier die Frage“), sondern ist auch als eine Art Gottheit in den Fernseholymp aufgestiegen und nun befähigt, einer bestimmten Berufsgruppe ihre Menschlichkeit abzusprechen, indem sie benennt, welche Gefühle sie fühlen dürfen und welche nicht.

 

Ich mache hier einen thematischen Absatz um das sacken zu lassen.

 

 

 

…..

 

 

Gehts wieder?

 

 

„Als Model darf man sich nicht schämen.“

 


„Als Model darf man sich nicht schämen.“

     

Ich sehe Parallelen zur Steuererklärung - je länger man wartet, um nochmal hinzuschauen, umso schlimmer wird’s.

Eventuell, sollte man als Model auch einfach nicht denken, essen oder altern. Am besten sollte man einfach seinen Roboter-Kleiderhaken-Fließband Job erledigen und aufhören, irgendetwas zu empfinden.

Aber vielleicht mache ich Frau Klum hier auch einen zu großen Vorwurf, schließlich hat sie ja selbst in ihrer Karriere eindrucksvoll gezeigt, was es bedeutet, keine Scham zu empfinden. Keine Scham empfinden ZU DÜRFEN.

 

Auf der einen Seite, ein offensichtlich gesellschaftliches Problem dargelegt, sehe ich auf der anderen Seite insbesondere medienwirksame Personen in Leader Positionen in einer moralischen Verantwortlichkeit, einen Schritt heraus aus dem Hamsterrad zu machen und ihm einen Schubs in die andere Richtung zu geben.

 

Raus aus dem Hamsterrad sind in dieser Woche auf jeden Fall zwei Kandidatinnen: Mira und Sarah.

Erstere verlässt die Show freiwillig, nachdem sie vor dem Nacktwalk deutlich macht, dass sie dem psychischen Druck nicht gewachsen sei. „Im Großen und Ganzen bin ich erleichtert.“ resümiert sie ihren eigens gewählten Ausstieg.

Ich bin mir sicher, dies bezieht sich weder aufs Rollschuhfahren, noch auf den Blubber-Blässchen-Boogie über Berlins Laufstegplanken.

Bis Folge 4 haben nun schon drei Kandidatinnen freiwillig das Handtuch geschmissen. Bleibt abzuwarten, ob Klum  GmBH und Co KG fürs Finale dann bei einer Leiharbeitersfirma nach Ersatz anfragen müssen. Oder bei anderen Modelangenturen. Schämen würde sich für diesen Aushilfsjob mit Sicherheit keine. Das darf man als Model ja auch gar nicht.

Kommentare: 4
  • #4

    Ami (Samstag, 27 Februar 2021 11:54)

    Du triffst den Nagel auf den Kopf, danke Jana... unfassbar und mit Abstand die bisher Brechreiz- verursachendste Folge dieser Staffel (und sie hat bisher erst 4 Folgen), auch die Qualität der Bilder war so schlecht, dass es mir sehr leid tut für die Mädels... ist inzwischen fast wie Voyeurismus beim Autounfall. Gucken? Wegschalten? Meine Hoffnung stirbt zuletzt, dass diversity in dieser Staffel siegt... Wir werden sehen.

  • #3

    Sabrina.Foodnessblog (Samstag, 27 Februar 2021 11:01)

    Wie immer großartig geschrieben. Ich finde deine Kolumne gehört in ein großes Printmedium, wirklich. Deine Sicht auf die Dinge und die Verbalisierung dieser trifft den Nagel auf den Kopf, auch wenn es wehtut. Danke dafür.

  • #2

    Dorothee (Samstag, 27 Februar 2021 07:54)

    Echt gut geschrieben & hast einfach genau angesprochen was ich mir teilweise schon dachte !!

  • #1

    Einhorn (Freitag, 26 Februar 2021 22:41)

    On Point ! Danke, du sprichst mir aus der Seele �